Griechischer Wein im Sportgymnasium

Der erste Schultag am Oberhofer Sportgymnasium ist geschafft: Alles zur „Stiftung“ der neuen Schüler, der Zukunft der Nordischen Kombination und einer zuckersüßen Kooperation.

Von Karsten Tischer

Oberhof. Wie backt man einen Spitzensportler? Nun, in Oberhof braucht es zu Anfang mehrere Tüten Mehl, reichlich Wasser und ausreichend große Mülltüten. So beginnt am Montagvormittag der Schulalltag der „Stifte“ am Sportgymnasium Oberhof (SGO). Rund 50 Neulinge begrüßt die Südthüringer Eliteschule des Sports im neuen Schuljahr. Sie lassen die Gesamtschülerzahl des SGO auf 228 anwachsen – ein Plus zum vergangenen Jahr und im Schnitt auch mehr als in den zurückliegenden 20 Jahren.

Geblieben ist das Ritual, das die Neuen über sich ergehen lassen müssen. So muss vor versammelter Schülerschaft im Speisesaal getanzt und gesungen werden, zum Beispiel zum Schlager „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens. Wer nicht spurt, wird nass gemacht. Das passiert aber meist auch so: Immer wieder spritzt das Wasser von vorne, von der Empore oder von der Seite aus Wasserspritzpistolen.

Als Bonus dürfen die Neuen nach jedem Spiel draußen im Hof zwischen Schulgebäude und Internat antreten und sich mit Wasserbomben bewerfen lassen.

Chemielehrer für einen Tag reicht nicht

„Cool“ und „lustig“ lautet das Urteil etlicher „Stifte“ zum Programm, was sich die Elftklässler ausgedacht haben. „Die haben richtig viel abbekommen“, sagt Emilia Ullrich aus Crawinkel zum Erlebten. Die eigene Stiftung der Rennrodlerin und mehrfachen Thüringer Meisterin liegt schon ein Jahr zurück. Am Montag steht sie ihren Rodelfreundinnen um Emma Oschmann (Friedrichroda) und Leonie Schultz (Suhl) bei. Letztere ärgert sich ein wenig: „Ich fand es blöd, dass ich Karaoke singen musste. Wir hatten kein Musik letztes Jahr. Es gab keine Lehrerin.“

Lehrermangel beschäftigt auch die Eliteschule am Rennsteig. Im Fach Chemie hapere es nach wie vor. Ein Lehrer vom Schmalkalder Gymnasium sei nach Oberhof abgeordnet worden, erzählt Michael Will, der als stellvertretender Schulleiter selbst gerade für seine Vorgesetzte einspringen muss. Jener Schmalkalder Chemielehrer hilft an einem Tag in der Woche am SGO aus, sichert aktuell die Biologie-Grundkurse der 11. Und 12. Klasse ab. „Ich würde ihn sofort übernehmen!“, sagt Michael Will. Erst wenn eine Kollegin im Januar 2027 aus der Elternzeit zurückkehren wird, könne der Schmalkalder Lehrer dann auch Chemie unterrichten. Neu an Bord ist auch eine Quereinsteigerin für die Fächer Englisch und Musik. Ihre Ausbildung ist noch nicht abgeschlossen. Mit Tobias Munsche ist bereits im Frühjahr ein Kollege in Rente gegangen, ebenso Internatskoordinatorin Sabine Beer. Cornelia Posselt springt für sie nun kommissarisch ein. Sie würde die Stelle auch gerne übernehmen, sagt Michael Will, doch „es klemmt bei der Ausschreibung“. Das zuständige Schulamt habe noch nichts veröffentlicht.

Michael Will selbst ist im März 63 geworden. Im Januar 2030 könnte auch für ihn der Abschied anstehen. Seine Schule als Arbeitsplatz könne er absolut empfehlen. „Den Lehrern geht es gut hier. Ich finde, wir haben wirklich liebe Schüler.“ Schulverweise seien äußerst selten, etwa dann, wenn gegen den Ehrenkodex des SGO verstoßen wird. Rauchen und Trinken, Drogen jedweder Art, sind verboten. Das gelte auch für die Lehrer und anderen Mitarbeiter, fügt Michael Will an, der früher selbst gerne zum Glimmstängelgriff.

Ruhiger geworden ist es auch bei der „Stiftung“ der Neuen. „Es hat über die Jahre abgebaut. Meine Stiftung war noch ein bisschen krasser. Es kommen mehr Regeln dazu. Es macht aber trotzdem immer einen Riesenspaß. Ich freue mich auf nächstes Jahr“, kommentiert Leopold Wahler, der mit durchs Programm führte, die Oberhofer Schultradition. Der 16-jährige Bermbacher, der einst als Skispringer begann und in den letzten Jahren mächtig Muskeln und Gewicht zugelegt hat, gehört am Sportgymnasium der kleinen Minderheit der Bobfahrer an. Drei gebe es im Moment an der Sportschule. Das Gros der Schüler stellen weiterhin die Skisportler.

Neue Sportarten als NoKo-Ersatz?

Wie es nach dem Olympia-Aus der Nordischen Kombination für die Sportart am SGO weitergeht, ist noch offen. Frühestens zum Jahreswechsel rechne er mit einer Entscheidung auf nationaler Ebene, sagt Michael Will. „Dann reagieren wir.“ Ein Spezialisieren auf Skispringen oder Langlauf sei für die jungen Kombinierer nicht so einfach. Grund sind etwa die unterschiedlichen Anforderungen an den Körper. „Es werden welche wechseln“, ist sich Will dennoch sicher.

Vielleicht auch in ganz andere Sportarten? Alternativen seien bereits im Gespräch gewesen. Radsport und Freestyle zum Beispiel. Eltern brachten Mountainbike-Fahren in all seinen Facetten als Idee ins Spiel. „Aber da gibt es noch nichts Konkretes“, sagt Michael Will. Er selbst glaubt nicht an große Neuerungen. Dafür seien die Strukturen bereits zu eingeschliffen.

Vertrag mit Süßwaren-Riesen

Und doch kann der stellvertretende Schulleiter am Montag von einem Novum berichten. Am Nachmittag werde er einen Kooperationsvertrag mit dem Unternehmen Storck, einem der größten Süßwarenhersteller in Deutschland, unterschreiben. Seit über 30 Jahren produziert Storck auch in Ohrdruf. Der Hintergrund: Für SGO-Schüler ist es mitunter eine Herausforderung, einen Ausbildungsbetrieb zu finden, der parallel das Ausüben der eigenen Sportart und die vielen Fehltage aufgrund von Wettkämpfen akzeptiert. „Mit größeren Betrieben ist das oft leichter“, weiß Michael Will. Bei Storck könnten Schüler künftig in allen Bereichen abseits der Lebensmittelproduktion (da die Lehre hierfür zentral in Nordrhein-Westfalen stattfindet) ausgebildet werden, etwa zum Elektriker. Die SGO-Leitung hat mit der neuen Zusammenarbeit in erster Linie Schüler im Auge, die kein Abitur machen, die Sportschule nach der 10. Klasse verlassen, ihren Sport aber weiterhin betreiben möchten und einen Beruf brauchen. „Bisher mussten sie sehen, wie sie zurechtkommen, machten dann etwa eine Ausbildung im Betrieb der Eltern“, erzählt Michael Will.

Profitiert das SGO in Zukunft auch anderweitig

von der Kooperation mit dem Süßwarengiganten? Immerhin: Ohrdruf gilt im Unternehmen als „Schokoladen-Spezialist“. Rund 2400 Mitarbeiter stellen hier Knoppers, Merci und mehr her. Süßigkeiten für Sportschüler, kann das gutgehen? Das müsste man mal mit entsprechenden Studien begleiten, sagt Michael Will und lacht. Aber zumindest bei den kommenden Stiftungen am ersten Schultag könnte dann nicht nur Wasser und Mehl auf die Schüler verteilt werden, sondern vielleicht auch Süßigkeiten.

Eliteschüler des Sports 2025

Ein Kombinierer gewinnt

Traditionell zeichnet die Sparkassen-Finanzgruppe am ersten Schultag am Sportgymnasium auch den oder die Eliteschüler/in des Sports aus. In diesem Jahr erhält der Nordische Kombinierer Richard Stenzel vom SC Motor Zella-Mehlis, der an der Schule im Sommer sein Abitur ablegte, den Preis. Die Übergabe soll Anfang September am „SGO“ stattfinden. Stenzel konnte am Montag nicht vor Ort sein. Der 20-jährige Suhler gehört zum deutschen Aufgebot des Sommer Grand Prix, der vom 14. bis 23. August ausgetragen wird. kt

Freies Wort vom 19.08.2026